Vor hundert Jahren gibt es im Steinlachtal kaum eine Familie, aus der nicht ein Bruder, eine Schwester, Tante oder Onkel in Übersee lebt. Viele der Ausgewanderten unterstützen die Daheimgebliebenen, wenn Not am Mann ist und soweit sie können. Ein Umstand, den der evangelische Pfarrer Alfred Sautter nutzt, der 1919 nach Mössingen kommt und eine Kirche vorfindet, die dringend renoviert werden muss.

Der Geistliche stellt eine weltweite Spendenaktion für das Dorf-Gotteshaus auf die Beine, die bis heute ihresgleichen sucht – vor allem, was den Erfolg betrifft. Sautter setzt auf die innere Bindung, die die ausgewanderten Mitglieder der Gemeinde zu ihrem Geburtsort haben und zu der Peter-und-Paulkirche, in der die meisten von ihnen getauft, oft auch konfirmiert oder getraut wurden. Und er setzt – vor 90 Jahren – auf die Macht der Medien: Sowohl sein Spendenaufruf für den Kauf neuer Glocken als auch sein Bittbrief zur Kirchenrenovierung selbst wird in mehreren der damals zahlreich existierenden deutschsprachigen Zeitungen in USA veröffentlicht, unter anderem in der „Schwabenzeitung“ sowie im „Schwäbischen Wochenblatt“. Neben der Unterschrift des Pfarrers trägt der Brief die Namen von Schultheiß Jaggy, Kirchenpfleger Mader, Uhrmacher Paul Maier, Schreiner Martin Lutz, Gemeinderat Martin Ehmann, Zimmermann Michael Schweiker, Alt-Gemeinderat Georg Maier, Rektor Adolf Mayer, Bauer Konrad Neth und Gemeinderat Jakob Maier.

Der Erfolg ist durchschlagend. Nach meinen Recherchen kommen mehr als 100.000 Mark zusammen. Geld für umfangreiche Renovierungen am Kirchengebäude, den Glocken, für einen Taufstein, für ein dem Einzelspender Georg Wagner gewidmetes Buntglasfenster. Auch Agnes Barbara Day ist unter denen, die große Summen schicken. Sie hat 1877 als Vierjährige mit ihrer Familie Mössingen verlassen und spendet nun, fast 50 Jahre später unter anderem eine neue Altarbibel. Agnes Day wurde Anfang der 1870er Jahre als Barbara Müller in einem Haus in der Brunnenstraße geboren, das heute nicht mehr steht. Es war das Armenhaus, direkt neben der Kirche.

Foto: Ein Artikel aus einer deutschsprachigen Zeitung an der Ostküste der USA von 1921, der eine Liste der Spender für die „Glockenspende in Mössingen“ enthält.

©Text und Recherche: Liane von Droste, http://www.lvd-medienservice.de