Ein krimineller Schleuser, wie es sie heute gibt, war der Mann, der diese Anzeige in der Tübinger Chronik veröffentlichte, keineswegs: Ernst Riecker betrieb 1849 in Tübingen  eine Agentur für Schiffspassagen für Menschen, die Deutschland verlassen wollten oder mussten. 1848/49 waren die Menschen in den zahlreichen deutschen Kleinstaaten in Aufruhr. Es waren Revolutionszeiten, viele forderten und kämpften für unerhörte Dinge: Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, ja sogar  Demokratie!

Mehr Rechte für die Bürger sollten allerdings  noch Jahrzehnte ein Wunschtraum bleiben. Fürsten und andere Landesherren schlugen und knüppelten die aufrührerischen Wünsche der Bürger nieder, steckten die Anführer und viele Mitläufer wegen „Hochverrats“ ins Gefängnis. Zigtausende Württemberger und Badener flüchteten, die meisten in Schiffen über das Meer. Nicht alle kamen am ersehnten Ziel an.

Dampfschiffe auf der Atlantikroute gab es noch nicht. Die in der Anzeige angebotene Passage galt für die Reise auf einem Frachtsegler und dauerte je nach Jahreszeit und Wetterlage zwischen fünf und zehn Wochen. Drangvolle Enge in den Zwischendecks, verdorbenes Essen und fauliges Wasser, Skorbut, Typhus und andere Krankheiten quälten die Reisenden. Viele starben auf hoher See, noch mehr verloren auf der langen Reise all ihr Ersparnisse, tauschten sie gegen etwas zu essen, eine warme Decke ein oder mussten die oft unverschämten Forderungen der Kapitäne für die Überfahrt damit begleichen.

Die Hoffnung war immer mit an Bord: Männer und Frauen, die die Strapazen der Reise überstanden, wünschten sich ein Leben in Frieden und Sicherheit, Arbeit, eine Zukunft für ihre Kinder…

© Text: Liane von Droste