Wer Tübingen kennt, kennt meist auch die „Lenzei“: Die traditionsreiche Gaststätte am Haagtor-Platz war einst eine Schankwirtschaft mit angegliederter Braustube. Sie wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Bierbrauer Gottlieb Lenz gegründet und entwickelte sich zu einem der am besten besuchten Gasthäuser in der Neckarstadt. Was bis zu meinen Recherchen um den Auswanderer Gustav Lenz niemand wusste: Es gab davor in der Tübinger Altstadt schon mal eine „Lenzei“. Mehr zur „Alten Lenzei“, die in der Hirschgasse lag (Foto oben)  lesen Sie hier:

„Gustav, der Jüngste, wird 1827 geboren und ist erst ein Jahr alt, als der Vater plötzlich stirbt. Nach dem Tod ihres Mannes betreibt Rosine die Schreinerei zunächst mit einem Geschäftsführer weiter, aber die Not der vaterlosen Familie wächst. Ein Verwandter gibt ihr den Rat, die Werkstatt zu schließen und darin eine Schankwirtschaft einzurichten, die sie gemeinsam mit den älteren Kindern betreiben soll. Diesem Rat folgt sie. Das Bier bezieht sie aus der großen Brauerei „Zum Straußen“ in Ulm. Zu ihren Stammkundenzählen bald auch schon Studenten, die sich hier treffen, ihre Mahlzeiten einnehmen und sich von Rosine manchen Rat holen. Rosine hilft auch aus, wenn der eine oder andere der „Herren“, wie die Studierenden damals genannt werden, seine Examensgelder nicht zusammenbekommt oder schon anderweitig ausgegeben hat.

 Mit zähem Willen und viel Arbeit schafft es Rosine Lenz, nach und nach die Schulden auf ihrem Haus abzubezahlen und ihren Söhnen eine Ausbildung zu finanzieren. Ihr Ältester, Gottlieb, lernt Bierbrauer. In den 1840er-Jahren eröffnet er am Haagtor eine Gastwirtschaft mit Brauerei, die neue Lenzei. Die Schankwirtschaft seiner Mutter in der Hirschgasse bleibt bestehen und erhält den Namen „Alte Lenzei“. Gustav Lenzfragt in seinem Brief vom 27. Dezember 1851 seine Mutter, wie es mit der „Alten Lenzei“ stehe und ob sie die viele Arbeit zusammen mit ihrer Tochter Louise in ihrem Alter denn noch schaffe – Rosine Lenz ist zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt. Ihre Schankwirtschaft in der Hirschgasse 1 trägt den Namen der Wirtin – keine Selbstverständlichkeit in jener Zeit.“

 

© Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch:

Liane von Droste, „Dazwischen der Ozean. Biografien, Erinnerungen und Briefe von Deutschen in Amerika nach 1848“, edition steinlach 2013.  Mehr Infos unter www.edition-steinlach.de

© Fotos: Liane von Droste; Bild unten: Die „neue“ Lenzei am Haagtor-Platz

Die (neue) Lenzei, Tübingen, Foto: Liane von Droste
Die (neue) Lenzei, Tübingen, Foto: Liane von Droste