Beinahe wäre es abgerissen worden. Zugunsten eines weiteren, vermutlich schicken und teuren Geschäftes im futuristischen Dorotheenquartier der Stuttgarter Innenstadt. Stattdessen ist hier ein Ort des Erinnerns und des Lernens entstanden. Ein besonderer Ort, der unbedingt einen Besuch lohnt. Am Dienstag, 4. Dezember, wird das „Hotel Silber“ wieder eröffnet – mit einer „Ausstellung zu Polizei und Verfolgung“, ab kommender Woche. Der Eintritt ist frei.

 

Es ist ein historischer Ort, mit wechselvoller Geschichte. Ein Ort des Gedenkens, der angesichts des europaweiten Wiederauflebens nationalistischen und rechtsradikalen Gedankenguts aktueller nicht sein könnte. „Eine Ausstellung zu Polizei und Verfolgung“ ist ab kommender Woche  als Dauerausstellung zu sehen. Sie erinnert an die Zeit zwischen 1928 und 1984, als hier zunächst das Polizeipräsidium Stuttgart und dann die Politische Polizei einzogen. Letztere benannten die Nationalsozialisten 1936 um in die Geheime Staatspolizei. Bald weit über Deutschland hinaus gefürchtet, berüchtigt und mörderisch: Die Gestapo hatte hier ihre Leitstelle für  Württemberg und Hohenzollern. Das „Hotel Silber“ erhält seinen grausamen Ruf. In und aus diesen Mauern heraus, werden Menschen verhört, verhaftet, schikaniert, gefoltert und ermordet.

Wer und was hat diesen bürokratisch organisierten Staatsterror möglich gemacht? Wer waren die Täter, die Helfer, wer waren die Opfer? Die Ausstellung nennt viele beim Namen. Erzählt ihre Geschichten, benennt die Verantwortlichen und zeigt die politischen Strukturen auf. Das „Hotel Silber“ bleibt auch nach 1945 Polizei-Standort. Bis 1984 nutzte die Stuttgarter Kriminalpolizei das Gebäude. Ab 1988 zieht hier das Innen-, dann bis 2015 das Integrationsministerium ein.

Dass in 18 Monaten Umbauzeit aus dem Ort des Schreckens ein beeindruckendes und sehenswertes „Projekt gegen Nationalismus und Geschichtsvergessenheit“ geworden ist, hat die Landeshauptstadt – zunächst und vor allem –  einigen Bürgern zu verdanken: Als Planungen zum Bauprojekt Dorotheenquartier 2008 den Abriss des Hotel Silber vorsehen, finden sich rasch Gegner und Gegnerinnen, die gegen dieses Vorhaben mobil machen.

Eine Bürgerinitiative „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ entsteht – und findet Unterstützung auf vielen Ebenen. Zehn Jahre lang wird diskutiert, immer wieder gestritten, dann gemeinsam geplant: Träger des jetzt eröffneten Lern- und Gedenkortes ist das Haus der Geschichte Baden-Württemberg, gemeinsam mit engagierten Bürgern ist die Dauerausstellung entstanden. Das Land Baden-Württemberg hat mit 4,5 Millionen Euro  die Sanierung und Gestaltung des Gebäudes finanziert, weitere finanzielle Unterstützung kam auch von der Stadt Stuttgart. Im geräumigen Dachgeschoss ist Platz für Veranstaltungen und  Wechselausstellungen und auch bei Seminaren sollen demokratische Werte, Grund- und Menschenrechte bildungspolitisches Thema sein.

Warum eigentlich „Hotel Silber“? Ein Blick ins 19. Jahrhundert gibt die Antwort. Aus dem Gasthaus „Bayrischer Hof“ machte Heinrich Silber 1873 ein Hotel für die wohlhabenderen Besucher der Stadt. 1919 kaufte das Land Württemberg das Gebäude, die Oberpostdirektion zog ein.

Text und alle Fotos:  Copyright Liane von Droste

 

Mehr Infos zum Hotel Silber gibt es hier:

https://www.geschichtsort-hotel-silber.de/