Eine Steinlachgeschichte über einen Besuch in Ofterdingen 1922. Und darüber, was sich über einen Auswanderer vor 100 Jahren und dessen Frau  Catherine Gimmel in alten Zeitungen und im Internet so alles finden lässt.

 

 

Die Zeitungsmeldung aus der „Tübinger Chronik“ war bei der Recherche für eines meiner Auswandererbücher ein Zufallsfund. Sie erschien am 21. August 1922 und fand sich beim Schmökern in den auf Mikrofilm einsehbaren alten Ausgaben im Archiv des „Schwäbischen Tagblatts“. Die Suche galt eigentlich einem Bericht über die Renovierung der Peter-und-Paulskirche im Nachbarort Mössingen. Das Gotteshaus war im Oktober 1922 von den Gläubigen feierlich wieder in Besitz genommen worden, nachdem der Pfarrer über eine beispiellose weltweite Spendenaktion bei ausgewanderten Mössingern mehr als 100.000 Mark eingesammelt hatte.

John Gimmel hätte vermutlich seine helle Freude, dass seine großzügige Wirtshauseinladung so viele Jahrzehnte später noch einmal gewürdigt wird. Das Wort Datenschutz kannte er zwar noch nicht, aber ein wenig unheimlich wäre es ihm wohl schon zumute gewesen, wenn er zugeschaut hätte, wie schnell und präzise sich Spuren seines Lebens und seiner Lieben ein knappes Jahrhundert später verfolgen lassen – ohne jedes weitere Vorwissen über ihn und seine Familie.

Ein paar Klicks auf den entsprechenden Internetseiten einiger online zugänglichen Datenbanken und eine halbe Stunde später gewinnt der schwäbische Bäcker aus Amerika Kontur: John Gimmel war sein eigener Chef, also selbständig und besaß ein eigenes Haus im Staat New Jersey, an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Zum Zeitpunkt seines Besuches in der alten Heimat war er 48 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Töchter, Elizabeth, 23 Jahre, und Anna, 21 Jahre. Er war nicht allein auf die Reise gegangen: Seine fünf Jahre jüngere Frau Catharine Gimmel begleitete ihn nach Württemberg, auch wenn dies dem Verfasser der Zeitungsnotiz offenbar keiner Erwähnung wert schien. Sogar sein Geburtsdatum findet sich per Internetrecherche: Er wurde am 7. Juni 1874 in Ofterdingen als Johann Gimmel geboren und betrat 1890 zum ersten Mal amerikanischen Boden.

Zugegeben, so schnell und ergiebig funktioniert die Online-Suche über das weltweite Datennetz selten. Geholfen haben – natürlich – die Angaben in und das Erscheinungsjahr der Zeitung. Je konkreter der Zeitraum sich eingrenzen lässt, in dem die Suchperson gelebt hat, desto eher finden sich online beispielsweise Einträge in den Passagierlisten der Reedereien oder in den Einwanderungsakten von Ellis Island, einer Insel im Hudson River vor New York, die ab 1892 zur größten Einwanderer-Ankunftsstation der USA wurde.

Catharine Gimmel ging nach der Europareise mit ihrem Mann gemeinsam am 15. September 1922 in Ellis Island an Land. Die Seereise begann das Paar in Bremerhaven und legte sie auf dem Dampfschiff „George Washington“ zurück.

Über Funde in amerikanischen Zensus-, also Volkszählungslisten von 1920, werden  alle Haushaltsmitglieder „lebendig“: Gimmels Frau Catharine, zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt, ist hier ebenso festgehalten wie seine beiden Töchter Elizabeth und Anna, sowie ein Vetter namens Walter Steinert, 48 Jahre alt, der zu dieser Zeit mit im Haushalt der Familie wohnte.

Fotos sind bei dieser Art der Suche absolute Mangelware und die Königsdisziplin der Auswandererrecherche. Aber im Fall von John Gimmel gibt sein Musterungsbescheid dem ehemaligen Ofterdinger zumindest mit Worten ein Gesicht: Im September 1918, also kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, wurde der amerikanische Staatsbürger John Gimmel von der regionalen Musterungsbehörde seines amerikanischen Heimatortes registriert. Er hatte blaue Augen, braune Haare, war eher klein von Statur und hatte in dem Krieg, der schon fast zu Ende war, weder „Arm, Bein, Hand, Auge“ verloren, noch war er „anderweitig körperlich versehrt worden“.

Mit etwas Geduld fand sich in den Internetdatenbanken auch der Passantrag, den John und Catherine Gimmel im Mai 1922 für die geplante Reise in die alte Heimat in Übersee stellten. Und, was mich besonders freute nach langer Suche: Ein Foto der beiden.

 

 

 

Text: Liane von Droste

Quelle für alle hier abgebildeten historischen Dokumente:

http://www.ancestry.de